Eisberg innogy

Welche Folgen die Zerschlagung (noch) haben könnte

Dass die Zerschlagung von innogy für den Energiemarkt die größte Umwälzung der letzten Jahrzehnte bedeutet, ist allen Akteuren im deutschen Energiemarkt bewusst. Bisher standen aber nur Börsenkurse, potenzielle Arbeitsplatzverluste oder die Chancen auf dem europäischen Energiemarkt im Fokus der Berichterstattung.

Bild eines Eisberges mit innogy-Flagge
Eisberg innogy, Grafik: Sunbeam Communications

Die Aufteilung von innogy in Netze, Vertrieb und Erzeugung klingt auch zunächst klar und nachvollziehbar. innogy ist jedoch deutlich mehr als ein Einzelunternehmen – es ist ein unübersichtliches Geflecht von hunderten Beteiligungen, angefangen beim vielversprechenden Startup bis hin zu dutzenden Stadtwerken, Regionalversorgern und Netzbetreibern nicht nur in Deutschland. Allein die deutschen Stadtwerke und Regionalversorger, an denen innogy mit über 50% beteiligt ist, stehen für ca. ein Viertel der Erträge des Konzerns.

Spricht man über die Aufteilung des Kernunternehmens innogy SE, so erscheint eine Aufspaltung in Erzeugung (zukünftig RWE) sowie Netze und Vertrieb (soll E.on zugeschlagen werden) sicherlich nicht einfach, aber machbar. Doch Stadtwerke und Regionalversorger bündeln Vertrieb und Erzeugung – wie will man hier vorgehen? Sollen diese Unternehmen zerschlagen werden, um die Aufteilung vornehmen zu können? Wenn nicht aufgeteilt wird, was wird mit den Stadtwerke geschehen? Die WirtschaftsWoche weist in einem Artikel vom 23.3.18 auf einen interessanten Aspekt („Alles, bloß nicht Eon“, erschienen am 23.3.2018) hin: Der Eigentümerwechsel eröffnet den Tochterunternehmen die Möglichkeit, ihr Schicksal wieder in eigene Hände zu nehmen. Dank einer „Change-of-Control“-Klausel können sie nun ihre Anteile von innogy zurückkaufen. Angesichts gravierender Unterschiede in der Unternehmenskultur des RWE/innogy-Konzerns und der Essener E.on ist es wohl auch sehr wahrscheinlich, dass sie ihre weitgehende Autonomie nicht zugunsten einer aus Essen fremdbestimmten Zukunft eintauschen werden. Auch wenn nur wenige der Unternehmen über ausreichende Mittel verfügen, um diesen Schritt aus eigener Kraft gehen zu können, stehen laut Handelsblatt schon geeignete Partner wie der Thüga Verbund bereit, in die Bresche zu springen.

Ob und wie es E.on gelingt, die Beteiligungen von einer besseren Zukunft bei der neuen Konzernmutter zu überzeugen, ist komplett offen. Fest steht jedoch, dass die in ihren Heimatregionen bestens verankerten Energieversorger eine schmerzhafte Konkurrenz für die neue Nummer 1 darstellen würden, denn sie gelten in weiten Teilen der Branche als besonders chancenreiche Akteure im zukünftigen B2C und B2B Markt.

Egal wofür sich diese Unternehmen entscheiden werden, die mit ihrer Entscheidung verbundenen Veränderungen in ihren bestehenden Strukturen kommen zur Unzeit und werden sie bei ihrer Ausrichtung auf neue Märkte – wie z.B. für Photovoltaik und Batteriespeicher – in einer kritischen Phase der Marktentwicklung behindern. 

Spannend ist auch die Frage der Zukunft der zahlreichen Start-Ups und Beteiligungen im EE-Bereich. Diese Beteiligungen haben (noch) keinen relevanten Einfluss auf das aktuelle Marktgeschehen, aber es ist sicherlich interessant zu sehen, ob durch die Zerschlagung die eine oder andere interessante Geschäftsidee profitiert oder womöglich sang- und klanglos verschwindet.

Die bekanntesten bzw. vielversprechendsten Beteiligungen haben wir hier aufgelistet:

Belectric – Solarkraftwerksbau und große Batteriespeicher

Beim Bau von Freiflächenkraftwerken und der Verknüpfung von PV, Speichern und Netztechnik gehört Belectric inzwischen zu den bekannten Namen der Branche. Auch Kooperationen im Bereich E-Mobility oder Gebäudeeffizienz gehören zum Portfolio.

Beteiligungshöhe: 100%, mehr als 500 Beschäftigte

http://www.belectric.com/de/



Lemonbeat – Entwickler einer einheitlichen Kommunikationssprache für das IoT (Internet of Things)

Smart Home ist in aller Munde, aber eine einheitliche Sprache fehlt noch. Das soll Lemonbeat ändern – ein frei verfügbares Protokoll für alle vernetzten Geräte, vom Elektroauto bis zum Rasenmäher.

Beteiligungshöhe: 100%, Eigenkapital 2016: 21 T€, Betriebsergebnis 2016: -4 T€

https://www.lemonbeat.com



Kiwigrid – Software für dezentrales Energiemanagement- und Monitoringlösungen für B2B und B2C

Während die Sektorenkopplung für viele noch ein abstrakter Begriff ist, arbeitet Kiwigrid bereits daran, Photovoltaik, Gebäudeeffizienz und Elektromobilität zu vernetzen.

Beteiligungshöhe: 20%, Eigenkapital 2016: -4.222 T€, Betriebsergebnis 2016: -2.320 T€

https://www.kiwigrid.com



Fresh Energy – Innovative Stromanbieter-App

Den eigenen Stromverbrauch immer im Blick – das ist die Idee von Fresh Energy. Gemeinsam mit dem Versorger eprimo und dem Smart-Meter-Hersteller Discovergy bietet das Start-Up ein Paket zur verbrauchsgenauen Abrechnung für Privatkunden.

https://www.getfresh.energy



Shine – Innovativer Stromanbieter für Privatkunden

Die zentrale Idee von Shine ist die Selbstversorgung. Mit einer Solaranlage und einer Mikro-KWK können die Kunden sich grün und unabhängig versorgen. Optimiert wird der Verbrauch über eine intelligente Messeinheit am Zähler.

Beteiligungshöhe: 100%, Eigenkapital 2016: 24 T€, Betriebsergebnis 2016: -1 T€

https://www.shinepowered.com

 


Ucair – Inspektion von PV-Anlagen mit Hilfe von Drohnen

Flugdrohnen erleichtern die Überprüfung von PV-Anlagen auf Fehler und Schäden. Mithilfe von Thermografie identifiziert Ucair fehlerhafte Module und leitet die Information zusammen mit Reparaturempfehlungen an den Besitzer weiter.

https://ucair.de



Greenergetic – Vertriebsunterstützung und Installation von PV-Anlagen

Greenergetic unterstützt Energieversorger – auch diverse innogy–Stadtwerke und den zentralen innogy-Vertrieb – beim Verkauf von PV & Co. und der Ausrichtung als Energiedienstleister.

Beteiligungshöhe: 27%, Eigenkapital 2016: -191 T€, Betriebsergebnis 2016: -1750 T€

https://www.greenergetic.de

 


Heliatek – organische Solarfolien

Als einer der wenigen Hersteller von innovativen organischen Solarfolien besitzt Helaitek den Schlüssel für günstigste Produktionskosten bei der Herstellung von PV-Modulen und ein enorm breites Anwendungsfeld, denn die Folien lassen sich auf eine Vielzahl von Materialien wie z.B. Kunststoffe aufbringen.

Beteiligungshöhe: 14%, Eigenkapital 2016: 8.410 T€,  Betriebsergebnis 2016: -7.700 T€

http://www.heliatek.com/de/

 

Die ausstehende marktrechtliche Genehmigung der EU-Kommision und der späte Zeitpunkt der tatsächlichen Abwicklung des Beteiligungsaustauschs Ende 2019 dürfte den betroffenen Unternehmen den weiteren Ausbau Ihrer Aktivitäten speziell im Erneuerbare-Energien-Bereich nicht gerade erleichtern. Fest steht: Die Energiewende ist in vollem Gange, und auch der internationale Wettbewerb für innovative Ideen im Energiesektor wird nicht auf Deutschland warten. Eine dermaßen große Verzögerung wird für alle Beteiligten – Mitarbeiter, Kunden, Geschäftspartner, Regulatoren – zur Geduldsprobe. Man muss also in jedem Fall mit noch größeren Veränderungen im Markt rechnen, als bisher betrachtet – auch wenn diese im Einzelnen noch nicht klar zu benennen sind.

Anmerkung

Wir haben den Artikel nach Veröffentlichung mit Blick auf einen Artikel in der Wirtschaftswoche („Alles, bloß nicht Eon“ erschienen am 23.3.2018) aktualisiert und ergänzt.


Der Autor

Kay Neubert, ist seit über 20 Jahren eng mit dem Energiemarkt und den Erneuerbaren Energien verbunden. Er ist Gründer und Aufsichtsrat der Solarpraxis AG, Spezialist für Technisches Marketing und einer der führenden Strategen bei Sunbeam-Communications.